Die Männerkonkurrenz

Bekanntlich arbeite ich für eine grosse Beratungsbude. Wir sind alles Überflieger. Alle wissen immer alles besser, jeder kann jede Geschichte toppen. Es ist eine permanente Männerkonkurrenz. Ich mache mit. Aber insgeheim weiss ich natürlich, dass niemand mich toppen kann. Das ist «unser» Selbstverständnis.

Wir fühlen uns ein wenig wie in New York, im Herzen des Kapitalismus. Ellbogenmentalität nennen wir einfach neuerdings nur noch Männerkonkurrenz. Dass man konkurrenziert, buhlt um Aufträge und Gunst von ebenfalls männlichen Vorgesetzten, das ist normal. Wir alle kennen die Szene in American Psycho, wo selbst Visitenkarten vermessen werden.

Wir haben allesamt unsere «Kriegsgeschichten», jedes Projekt war krass und krasser; und alleine unser Beitrag, unsere Männlichkeit konnte das Projekt retten. Ich habe mich an solche Diskussion «gewöhnt», ich partizipiere. Schliesslich gehöre ich dazu – würde ich das nicht wollen, wäre ich nicht dort.

Ich gehöre mittlerweile zum Kader dieser Organisation. Ich habe diesen Wettbewerbsdruck lange genug ausgehalten; ich konnte mich beweisen, gegen die Jungen durchsetzen und meine Konkurrenten in gutbezahlte Bullshit-Jobs bei Kunden platzieren. Oder anders: ich habe den Absprung auch irgendwie verpasst. Ich bin nämlich als Festangestellter nicht mehr vermittelbar.

Nur noch als CEO wohlgemerkt. Derzeit habe ich aber noch kein Angebot offen. Ich habe meine ebenfalls attraktive Headhunterin, die tagsüber und auch nachts an der Hardbrücke sich schlängelt, mal für einen CEO-Suchjob beauftragt. Natürlich mit einem 5k Vorschuss, damit es unmissverständlich nicht nur, aber auch Flirten war, als ich ihr mal im Hive vorne links begegnet bin und mich selber ausdrückte.

Mit vierzig ist man aber nicht mehr so hungrig und wild wie mit dreissig. Damals war ich fitter, ich hatte mehr Sex, musste weniger schlafen und konnte bedeutend mehr saufen. Ich war permanent verkatert, aber fühlte mich nicht verkatert. Der Kater war der Normalzustand. Ich musste mich auch nicht gross bemühen; alles flutschte, wie bei den Frauen, alles wie Butter, würde Ben bestärken.

Mittlerweile gelingen mir aber nicht mehr alle Projekte. Manchmal scheitere ich, nicht im Knall, aber heimlich und insgeheim und vor allem allmählich. Es ist wie das Altern: es passiert schleichend und plötzlich bist du nur noch ein altes Schlachtross. Ich habe sicherlich schon drei prestigeträchtige Aufträge verloren an meine Konkurrenten.

Zeit also für eine Standortbestimmung? Keineswegs, noch bin ich «gut im Schuss» und gewinne immer noch ausreichend. Ich geniesse weiterhin das Vertrauen des obersten Führungszirkels; ich kann weiterhin Spesen reissen und weiterhin verkatert morgens irgendwelche dusselige und sinnlose Workshops mit Kunden gestalten.

Es ist noch nicht dringend. Dennoch missfällt mir das Gefühl der Niederlage. Ich bin ein Gewinner. Ich zweifle nicht gerne ob meinen eigenen Fähigkeiten. Das qualifiziert mich ja für diesen Beruf: weil ich eben nicht grüble, sondern einfach alle Kunden mit meiner Energie begeistere und damit vorwärtsbringe – und meine damit meine Kennzahlen perfektioniere.

Bin ich verweichlicht worden, haben die vergangenen Erfolge mich gesättigt – oder spüre ich die Sinnlosigkeit meiner Arbeit vielmehr als früher? Oder bin ich einfach erschöpfter und ausgelaugter, weil älter geworden? Ich könnte das theoretisch mit meiner Psychologin besprechen, aber damit wäre ich dort mit meiner eigenen Persönlichkeit gekoppelt. Nicht in meinem Sinne.

Vermutlich kann ich noch einige Niederschläge verkraften. Ich bin zwar gut, aber nicht der «Beste». Ich sollte einfach allmählich anerkennen, dass andere Männer doch besser sind. Manche haben die besseren Schulen besucht, vor allem haben sie echte Schulen besucht und nicht nur eingebildete. Und sie haben sogar echte Schulen echt abgeschlossen; mit Abschluss und Würdigung.

Andere Männer sind auch wortgewaltiger. Ihr Englisch beispielsweise ist natürlich von all ihren Auslandsaufenthalten angereichert. Sie haben einen streberhaften Oxford-Akzent. Das alleine kann auch beeindrucken; sekundiert mit einer sonoren Stimme. Mein Englisch ist zweckmässig, mein schweizerisch-indischer Akzent ist nicht zu verbergen.

Ich habe auch noch nie eine Station in Singapur geführt. Auch war ich noch nie in Boston. Ich habe höchstens remote einige Teams in Europa betreut respektive aufgebaut und aufgelöst. Manche Mitbewerber haben einige Jahre irgendwo verbracht. Und mit Ausland meine ich nicht La Chaux-de-Fonds, sondern echtes Ausland irgendwo draussen, wo kein Billigjet dich hinfliegt.

Aber ja, man vergleicht sich. Das ist normal. Wer hat den höheren Stundensatz? Wer hat mehr Cross-Selling? Weil Up-Selling geht nicht mehr – wir sind nämlich bereits die teuersten. Im Zweifel wiederhole ich mein Mantra: auf der Strasse hätte ich meine Konkurrenten allesamt verprügelt. Heute bin ich zwar nicht mehr so kräftig, aber immerhin habe ich mich damals durchgesetzt.

Manchmal besoffen prügle ich mich auch. Bevorzugt in meiner kleinen Bar, wo ich niemals Hausverbot erhalten kann. Dort pöble ich gerne Leute an. Ich will doch bloss spielen und duellieren. Ich kann nicht fechten, drum bleibt mir manchmal bloss die Faust oder das Bierglas. Wer kann mehr? Wer kann länger stehen, wer kann länger und mehr feiern?

Bei mir ist immer alles «Krieg» und «Wettbewerb». Es ist nicht nur im Beruf – es überspannt mein gesamtes Leben. Ich fühle mich wie «Dschungelkampf», wie im «Donbass» oder an der «Wallstreet» oder «Paradeplatz» – wo übrigens mein Arbeitgeber seinen schweizerischen Hauptsitz hat. Männerkonkurrenz ist gut und gesund; es hält die Männer jung und fit.

Solange ich lebe, werde ich ringen. Ich bin Daniel Tannenberg, der unermüdliche Strassenkämpfer. An alle diese Schnösel, weltgewandt, wortgewandt, viel gereist und bereits frühmorgens joggend – ich kapituliere nicht vorauseilend. Eure Manieren sind eventuell verfeinerter, eure Aussehen eventueller gesünder – aber ich bin immer noch echt, wahr und authentisch. Oder so.

Eine Antwort

  1. […] Für einen Kunden aus der Finanzbranche muss ich ausnahmsweise ins Ausland reisen. Zwar kein Boston, Singpure oder so, immerhin aber Frankfurt am Main. Für gewöhnlich meide ich die Finanzindustrie, weil für meinen […]

Schreiben Sie einen Kommentar zu In FFM – Daniel Tannenberg Antwort abbrechen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert