Silvester endete mindestens für 40 Jugendliche tragisch: sie verbrannten in einer Kellerbar. Heutzutage sind solche Events nicht mehr undokumentiert. Als ich jung und jüdisch war, habe ich gut und gerne gefeiert – entgegen allen Erwartungen, die man in mich projizierte. Ich war und bin unersättlich, unstillbar, ich verpasse keine Hundsverlochete.
Diese Nacht in Crans-Montana, einem welschen Winterspielort irgendwo im Wallis, war lückenlos dokumentiert. Man konnte sogar auf X, meine Lieblingsplattform, das Feuer gut beobachten. Die Decke war bereits entzündet – das befeuerte wortwörtlich die Party, erzeugte Energie und beschleunigt das Spektakel. Alle auf dem Video sichtbaren Menschen sind wohl verbrannt.
Ich kann es ihnen nicht verübeln. Party ist immer eine Grenzüberschreitung, Party bedeutet auch Kontrollverlust. Party heisst, dass man das Morgen und das Gestern vergisst – weil bloss den Augenblick beschwört. Ein kleines Feuer kann normalerweise jede Party intensivieren, wohl wissend um die Risiken, die Lebensgefahr, die ein Feuer verspricht.
Eine gute Party gefährdet nicht bloss die Leber, die Liebe oder erhöht die sozialen Schulden – eine gute Party verewigt sich auch mit körperlichen Beschwerden. Einen gebrochenen Daumen, eine Schnittwunde am Bein, Bissspuren im Gesicht, Geschlechtskrankheiten oder weitere Ernsthaftigkeiten bezeugen die intensive Party.
Ultimativ ist natürlich bloss noch der Tod – der klassisch sinnlose Unfalltod. Den Tod, den man eigentlich beobachten konnte, eigentlich auch abwenden konnte. Man hätte statt zu filmen bloss zu fliehen versucht. Aber dies hätte der Ekstase des Moments widersprochen. Daher musste man bleiben und filmen, den Augenblick konservieren.
Man genoss wenige Minuten der Leichtigkeit. Das Feuer loderte, hat mutmasslich in Sekundenschnelle sich ausgedehnt. Für den Partygänger schienen diese Sekunden Minuten. Er ahnte die Gefahr, er spürte vermutlich die Bedrohlichkeit. Doch der Partymensch muss innehalten, der muss diesen Moment auskosten.
Denn insgeheim weiss man, dass jede Party endet. Alle After-Hour-Schuppen erzählen zwar was anderes, dass die Party erst um 08:00 morgens beginne. Aber erfahrungsgemäss hat eine normale Party zwischen 02:00 und 03:00 in der Schweiz ihren Klimax. Vermutlich entstand der Brand eben in diesen goldenen Stunden. Alles schien möglich. Wer jetzt ging, verpasst wohl eine «Chance».
In der Retrospektive wäre ein Rückzug angemessen gewesen. Keine Party soll mit dem Tod enden – das muss sogar ich als abgebrühter, salopper, selbstgefälliger Nihilist beteuern. Aber eine gute Party kitzelt, provoziert den Tod, die eigene Gesundheit. Eine «sichere» Party gibt es nicht. Ich habe schon etliche Male mit dem Feuer wortwörtlich gespielt.
Ich bin auf der Party nicht so der Prügeltyp, ich bin vielmehr der Zündtyp. Ich trage immer ein wenig Notfallbenzin auf mir, das ich bei einer spontanen Party aufflammen kann, bevorzugt in Gläsern, Tischen oder als Brandverstärker für schwierig brennbare Gegenstände wie Möbel. Manchmal verbrenne ich mir auch bloss meine Haare.
Für meine Psychologin übertreibe ich natürlich. Dort inszeniere ich meine Feuerleidenschaft als offensichtlichen Akt der Selbstverstümmelung. Was ich ihr verschweige, ist, dass ich Feuer als Partyverstärker bewusst einsetze, um die Stimmung aufzuheizen. Und das geht entweder mit Musik oder mit Feuer oder idealerweise zusammen.
Nun sind die Jugendlichen verbrannt. Man erhebt Vorwürfe. Man rätselt. Man kann sie nicht verstehen. Warum sind sie nicht geflohen? Warum haben sie weitergetanzt? Und warum haben sie alles gefilmt? Ich hätte vermutlich gleich gehandelt. Ich wäre geblieben, ich hätte gefilmt – und hätte mir vermutlich noch einen Shot bestellt.
Und wäre mit ihnen verbrannt. Immerhin in wenigen Sekunden.

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