Meine attraktive Psychologin und ich

Ich möchte gerne meine Psychologin vorstellen. Ich bin seit mehr als drei Jahren regelmässig bei ihr. Eigentlich wünsche ich mir eine anders geartete Beziehung. Ich gestehe, dass ich vor allem sexuell motiviert bin. Das Psychologieding mache ich bloss, um mein privates Umfeld zu beruhigen. Damit glaubt meine Familie, ein Problem sei adressiert.

Logischerweise löst meine Psychologin keine Probleme – soll sie auch nicht. Sie muss primär mir und ich ihr gefallen. Eine Sitzung dauert fünfzig Minuten. Sie ist sehr gewissenhaft. Wir machen keine 49 oder 51 Minuten. Wir verbringen exakt fünfzig Minuten zusammen. Sie verlangt dafür 210.- CHF. Sie ist sanft teurer als der Durchschnitt. Vermutlich kann sie ihr Aussehen addieren.

Ich bin Selbstzahler. Ich habe keine Lust, mit der Krankenkasse zu verhandeln. Ich bin zwar technisch auch überobligatorisch versichert und zehn Einheiten pro Jahr für eine Frist würde meine Krankenkasse problemlos übernehmen – aber dann will sie auch alles wissen und ich werde vermerkt. Also lieber einfach selber berappen, schliesslich kann ich ja.

Vor drei Jahren an unserer ersten Sitzung habe ich ihr zwei Artefakte überreicht: meine Bedienungsanleitung sowie eine memehafte Zusammenfassung der wichtigsten Traumata, die ich erlitt. Ereignisse wie den Verlust meines Meerschweinchens Schnüffeli, die Kündigung einer Arbeitsstelle oder eine unglückliche Liebe habe ich liebevoll kuratiert und dramatisiert.

Sie war beeindruckt. Seitdem bin ich bestrebt, mir Geschichten und Erfahrungen auszudenken, um sie weiterhin zu beschäftigen. Vermutlich ist sie ja insgeheim in mich verliebt; sie zehrt von den Abgründen der menschlichen, insbesondere meinigen Seele, sie verlangt Nachschub und Einblicke – und ich kann ihr das alles geben. Ich könnte ihr aber noch viel mehr geben, leider.

Ich weiss nicht, ob sie mein Spiel durchschaut. Ihr kann es auch ziemlich gleichgültig sein. Sie verrechnet eben ihre 210.- CHF ohne MWSt pro 50 Minuten. Solange ich ihre Rechnungen zahle, kann ich fantasieren, was ich will. Und wenn sie nebenbei natürlich von einem gutaussehenden, erfolgreichen Manne ihres Alters bezahlt sanft angeflirtet wird – warum nicht, stelle ich mir.

Natürlich sind nicht alle meine Geschichten erfunden. Ich versuche bloss meinen Beitrag entweder zu dramatisieren oder zu verbergen. Ich ergreife einfach selber einseitig Partei, damit ich ihr möglichst gefalle. Manchmal bin ich verletzlich, ganz Opfer meiner Umstände, manchmal inszeniere ich mich als kleinen Täter, der berechnend tut, was er tun müsse.

Und in Wirklichkeit passierte nichts. Weder war ich Opfer noch Täter; ich war höchstens Beobachter oder kenne die Sequenz mindestens aus zweiter Quelle. Ich mache mich dadurch interessanter, psychologisch wertvoller als ich eigentlich wäre. Ein Drittel der Themen betreffen mich eigentlich gar nicht; es sind die Themen meines Umfeldes, die ich auf mich appliziere.

Doch vermutlich interessiert ihr euch, wie meine Psychologin aussieht. Leider kann ich hier kein Foto veröffentlichen. Sie ist nämlich liiert. Sie hat irgendeinen Typen. Auch nach kurzer Internet-Recherche (aka einfach ihren Namen googeln) konnte ich ihn aber nicht identifizieren und damit habe ich es auch belassen. Vermutlich ist ihr Freund auch nur erfunden, bange ich.

Ungeachtet ihres Beziehungszustandes kann ich weder Foto noch Namen publizieren. Das ist das Internetz hier, das Internetz vergiesst nie. Unsere therapeutische Beziehung ist formal nicht ganz sauber. Sie ist zwar nicht vereidigt oder so worden, sie würde auch keine Zulassung verlieren – dennoch ist unsere Beziehung mir zumindest nicht ganz geheuer.

Also, meine Psychologin ist adrett und ein wenig steif gekleidet. Sie trägt jeweils eine weisse Bluse. Ihr BH ist hautfarben, soweit ich das durch Bluse erspähen konnte. Sie inkorporiert ihren Po in Skinny Jeans. Die Schuhe sind ganz funktional; im Winter weibliche Boots, im Sommer unscheinbare Mokassins.

Vermutlich ist sie in eine Art Uniform kostümiert. Ich bezweifle, dass sie sich auch so privat kleidet. Ich stelle mir stattdessen vor, als sei im Heroin-Schick getünkt. Oder sie inszeniert sich als alternatives Grossstadtmädel mit typischem Vogelnest, lässig abgenutzten Trainerhose, Glitzershirt und Sportjacke. Ich weiss es nicht, ich bin ihr noch nie privat begegnet.

Jedenfalls empfinde ich sie als «gutaussehend». Doch bei einer Rezension einer Psychologin sollte nicht das Aussehen respektive der Auftritt thematisiert werden. Das müsste eigentlich irrelevant sein. Wichtiger soll ja angeblich die Qualität der therapeutischen Beziehung etwas über die Wirksamkeit aussagen.

Und diese ist bei mir eben formal sehr mies. Eigentlich sollte ich mich von dieser Abo-Falle lösen und nicht mehr automatisch verlängern lassen. Es könnte noch Jahre so weitergehen – ohne echten Fortschritt oder merklichen Erkenntnisgewinn für meine Seele. Es ist bloss ein Spiel und irgendwie auch eine Kunst.

Früher war ich auch in diversen Selbsthilfegruppe unterwegs. Vermutlich war ich von Fight Club inspiriert. Ich litt allerdings nicht an Krebs oder sonstigen kritischen Krankheiten, die mir jeden Moment das Leben verkürzen konnten. Ich gesellte mich einfach zu den Angehörigen psychisch erkrankten Menschen respektive Alkoholiker. Ich war der Angehörige und sprach über mich.

Exakt diese Episode habe ich auch meiner Psychologin erzählt, allerdings abgewandelt, dass ein Kollege so «krank» sei, und einfach Selbsthilfegruppe besuche und ich werweisse, was nicht gut mit ihm sei. Es ist immer einfacher über andere zu reden oder gar zu psychologisieren als über sich selbst; vermutlich habe ich eine Art «Totem» oder «Avatar» gebraucht.

Ich, Daniel, ich fühle mich eigentlich nicht krank. Eventuell bin ich bloss zu sarkastisch, zu salopp, zu selbstgefällig – eventuell bin ich auch bloss abgenutzt und verdorben. Ich bin nicht kränker als die Welt insgesamt. Überhaupt verabscheue ich die Pathologisierung der menschlichen Psyche; solange ich keinen Amoklauf mache, ist für mich tatsächlich alles gut.

Meine Psychologin bedient beide Geschlechter. Kürzlich hat sie eine Fortbildung zur Traumabewältigung besucht. Die meisten Patienten sind aber weiblich. Ich habe in den Medien gelesen, dass vor allem junge Frauen öfters eine leicht ältere Psychologin aufsuchen würden. Insbesondere in der Grossstadt sollen Wartelisten existieren.

Das bedeutet, meine Psychologin ist nicht bloss attraktiv, sondern sicher einkommensstark. Vermutlich lässt sie auch ein kleines Portfolio verwalten, eventuell von ihrem Freund, der erfolgreich in der Finanzbranche verpflichtet ist? Sie kann ihre Patienten selber auswählen – und will weiterhin mit mir zusammenarbeiten.

Weil ich so spannend oder selbst gutaussehend bin? Oder doch beides, wie ich immer vermute? Oder eben nur leicht verdientes Geld bin, weil sie bei mir keine echte Empathie, sondern bloss ein wenig Sympathie und Aufmerksamkeit simulieren muss – und ich bin glücklich und kann abends dann heimlich masturbieren, indem ich ihr Profilfoto auf ihrer ihre Webseite anschaue.

In meiner Fantasie haben wir es eh längst «getan». Idealerweise während dieser 50 Minuten. Dann wäre sie zwar eine Prostituierte, und vermutlich noch eine günstige – aber ja, so what würde ich meinen. Ich würde sie gerne über ihren Tisch lehnen und einfach eindringen – natürlich bloss mit ihrer Einwilligung, alles andere wäre ja strafbar. Ach.

Stattdessen dichte ich an weiteren Geschichten, versuche sie zu amüsieren, mich spannender und reizender zu gestalten, als ich bin. Langweilig irgendwie, oder? Vermutlich werde ich im nächsten Jahr das Abo doch kündigen – aber sie mindestens einmal offensiv-plump anmachen mit dem grossen Klassiker der Sprüche «Ficken?».

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