Ich wohne in Basel, das Büro ist in Zürich und mein aktueller Kunde ist in Bern. Ich hänge in einem Departement in Bern. Wir nennen das intern easy money. Allerdings sind mir auch die ganzen Dinus, Ändus, Thömus, Jöräs und wie die Schweizer alle heissen, irgendwie verleidet. Ebenso bin ich zu selten in Bern, Basel oder Zürich, um dort mich zu verwurzeln.
Ich bin also permanent irgendwie unterwegs, zwischen den Grossstädten der deutschsprachigen Schweiz. Und dabei komme ich nicht an. Das ist okay, weil selbstgewählt. Allerdings harre ich nun seit mehr einem Jahr unverrichteter Dinge in Bern. Das alleine stört mich ebenfalls nicht – mich stört einfach das «Ambiente».
Das Büro ist heruntergekommen, kaum Frauen. Das Essen ist schrecklich. Die Aussicht ist ziemlich «provinziell». Ich blicke auf eine Wiese, wo Kühe grasen. Die sanitären Anlagen sind ebenfalls veraltet; irgendwie stinkt es ständig nach Scheisse. Der Bau müsste längstens saniert werden. Die Anreise ist mühsam und kompliziert.
Doch in diesem Monat erwartet mich eine willkommene Abwechslung. Für einen Kunden aus der Finanzbranche muss ich ausnahmsweise ins Ausland reisen. Zwar kein Boston, Singapur oder so, immerhin aber Frankfurt am Main. Für gewöhnlich meide ich die Finanzindustrie, weil für meinen System-Engineering-Geschmack zu unterkomplex – diesmal habe ich angenommen.
Einfach, weil ich mal raus aus Bern muss. Ich habe auch die Heimatstil-Architektur satt. Den Dialekt mag ich sowieso nicht. Überdies stören mich alle diese Beamte; alle arbeiten irgendwie beim Bund, beim Kanton Bern, bei der Stadt Bern, bei der SBB, bei der Swisscom oder bei der Post. Die ganz Coolen arbeiten aber bei der Postfinance.
Übrigens habe ich jüngst erfahren, dass man Mitarbeitende beim Bund gar nicht wirklich entlassen kann. Man müsste erstmals konstant mehrere Jahre eine negative Bewertung festhalten – was richterlich und mit Unterstützung der mächtigen Personalverbände bestritten werden könnte.
Zudem muss dann in einem aufwändigen Verfahren erwiesen werden, dass die Person fachlich untauglich sei: mit vielen Gesprächen, Begleitmassnahmen und sonstigen Absicherungen. Nach gut und gerne vier Jahren dann kann man jemanden entlassen. Absurd. Bei uns bist du morgen einfach weg, wenn du nicht performst – oder deine Nase dem Boss nicht gefällt.
Endlich wieder einmal Ausland, endlich wieder einmal weniger Schweiz. Es ist zwar «nur» Deutschland, aber es ist Frankfurt am Main: FFM. Das Ambiente verspricht Aufregung und Abwechslung. Endlich wieder einmal in einem Hochhaus. Endlich wieder einmal eine weltstädtische Aussicht.
Endlich auch wieder adrett gekleidete Frauen, enganliegende Anzüge bei den Männern; professionell geführte Personalkantinen, Aufzüge mit Ruffunktion und Traffic-Management. Ein repräsentativer Empfangsbereich, ein ansehnlich verwahrlostes Bahnhofsviertel, ein lebendiges Ausgehviertel Sachsenhausen. Und alles dramatisiert mit einer glitzernden, in der Main spiegelnden Skyline.
Und dann noch eine U-Bahn, obwohl nur in der Innenstadt unterirdisch. Aber immerhin! Besser als Zürich Stettbach. Alleine die Station Hauptwache ist bedeutend geschäftiger als der Bahnhof Basel. Ausserdem hat Frankfurt noch einen Hafen, der signifikant grösser ist als alle Rheinhäfen der Schweiz zusammen – logischerweise. Zudem noch eine «aufgewertete» Hafeninsel, was Basel auch will.
Mein Engagement ist zeitlich sehr befristet. Alles andere würde mein Privatleben überfordern. Ich möchte auch nicht mehr wochenlang irgendwo im Ausland in einem überteuerten 25h-Hotel mich sanft und heimlich betrinken und keine lokale Kontakte knüpfen. Das war früher anders. Ich war auch hungrig nach sogenannten Zufallsbekanntschaften.
Mittlerweile bilanziere ich alle meine privaten Beziehungen und investiere bloss, wo nützlich respektive wo ein sozialer Tausch absehbar ist. Im Ausland würde ich ja in Vorleistung gehen; niemals einen return on time invested erhalten. Ausgenommen sind aber Arbeitskontakte. Ich bin überzeugt, wir werden den Feierabend feiern.
Ich freue mich bereits auf alle Bars und lokalen Biers. Ich freue mich auf englischen Smalltalk und James Bond Medleys in wüsten Karaoke-Bars der Expats. Ich freue mich, dass ich einfach mitgezogen werde – und selber nicht gross ziehen muss. Das nenne ich übrigens auch Ferien; sich einfach treiben lassen. Nicht immer selber in Verantwortung und in Entscheidung zu sein.
FFM. Ich komme. Fuck you Bern.
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