Basel und Big Pharma

Basel. Offiziell die drittgrösste Stadt der Schweiz, so Wikipedia. Die Stadt ist stolz, wähnt sich sonderbar. In Basel ist auch die schweizerische Pharmaindustrie beheimatet, abgerungen der ebenfalls dort ansässigen Chemieindustrie. Deren Geschichte liest sich gleichsam sonderbar. Für mich eine Verkettung glücklicher Fügungen.

Die beiden Basler Konzerne Roche und Novartis duellieren jeweils um die vordersten Plätze der grössten Pharmafirmen der Welt. Die beiden Konzerne besetzen den Platz Basel. Ich wohne ungefähr mittig zwischen den beiden Konzernzentralen. In diesem Beitrag möchte ich die Vorzüge, aber auch Risiken des Standorts Basel hervorheben.

Das Dreyeckland

Im lokalen Idiom nennt man die Region rund um Basel liebevoll «Dreyeckland». In lokalen Graffitis wird das gerne mal als «Drecksland» verballhornt. Das unterscheidet Basel beispielsweise von Zürich, das bloss vom Kanton Zürich und natürlich vom legendären Kanton Aargau umgeben ist – weil Thurgau zählt ja nicht und Innerschweizer kommen nur an katholischen Feiertagen.

Der Zugriff auf günstige Arbeitskräfte beispielsweise aus Frankreich ermöglicht arbeitsintensive Produktionsschritte. Ebenfalls befeuert das die Arbeitsmarktkonkurrenz. Man findet immer jemanden aus dem Wiesental, der einen Job übernehmen möchte. Grenzgänger – ein Lieblingswort – sind Glücksritter und wollen aufsteigen; sie sind hungrig und motiviert.

Die Grenzgänger erinnern einen, dass man nicht isoliert in der Schweiz überleben kann. Die Schweiz lebt vom Austausch von Gütern, Ideen, aber auch Menschen. Etliche Beziehungen in Basel sind grenzüberschreitend. Manche Branchen sind komplett von Franzosen besetzt, andere komplett von Deutschen. Bar Rouge sowie das Borderline gelten als Franzosen-Clubs.

Der Hafen

Basel ist das Tor zur Welt. Auf Kleinbasler Seite der Mittleren Brücke blickt eine Helvetia-Skulptur schwermütig gegen Pharma und Norden. Es ist das Werk Bettina Eichins. Der Kanon in Basel-Stadt interpretiert die Szene «Helvetia auf der Reise» als Befreiung der Frau aus der gesellschaftlich auferlegten Rolle als Mutter und Heimchen.

Für mich versinnbildlicht die Helvetia die Abhängigkeit und Sehnsucht nach der grossen Welt. Die Schweiz ist alleine nicht lebensfähig; sie war seit jeher auf pragmatische Beziehungen mit der Welt angewiesen. Keine andere Stadt als Basel repräsentiert die Abhängigkeit besser. Diese Abhängigkeit ist für mich in den Basler Häfen repräsentiert.

In Zürich ist man ganz Schweiz. Man blickt gegen die Alpen, zum heimischen See. Man ist ganz unter sich. Die Welt endet am Mythen. Ein Schaumbad der Wohligkeit. In Basel ist man nicht begrenzt. Man erahnt die Unendlichkeit der Welt. Der geschäftige Rhein erinnert, dass das Ausland nah sei.

Die Ausländer

Die grossen Konzerne in Basel sind globalisiert. Sie rekrutieren Mitarbeitenden aus aller Welt. Nicht bloss Grenzgänger. Grenzgänger sind in Basel längst angekommen und normalisiert. Iranische Ärzte, skandinavische Manager, indische Spezialisten und osteuropäische Ingenieure haben sich in Basel niedergelassen. Sie wollen alle bei Big Pharma arbeiten. Denn das verspricht Karriere.

Diese Ausländer arbeiten nicht nur in Basel – sie leben auch tatsächlich dort. Sie haben ihre Bars, ihre Orte. Sie vermischen sich untereinander. Englisch ist in Basel-Stadt zur eigentlichen Verkehrssprache geworden. Sie ziehen schliesslich Kinder gross, flanieren am Rheinufer, besuchen die Fondation Beyeler Sonntag nachmittags.

In der letzten 20 Jahren hat sich der Ausländeranteil von 30% auf 40% erhöht. Ich vermute, er wird in den nächsten 10 Jahren bis auf 50% weiter steigen. Diese Ausländer intensivieren den Konkurrenzkampf um gutbezahlte Arbeitsplätze. Big Pharma kann jeweils von den «Besten» wählen. Überdies verringern Ausländer den «Filz» in den Konzernzentralen. Leistung zählt bloss.

Kurzum

Basel ist gut gerüstet. Dreyecksland, der Hafen als Metapher und die Ausländer begünstigen Basels wirtschaftlichen Wohlstand. Der Pharma-Cluster hat sich ausgebreitet. Zulieferer, Beratungsgesellschaften, Forschungsinstitute und so weiter haben sich in der Region Basel verdichtet. Es ist quasi ein hot spot geworden.

Die Gefahren aus der Lokalpolitik

Der Kanton-Basel ist gut finanziert. Basel-Stadt ist ein stabiler Nettozahler im Nationalen Finanzausgleich. Im Grossen Rat, der lokalen Legislative, bilden klassische Linksparteien eine komfortable Mehrheit, falls sie sich einigen können. Das «Rote Basel» ist allerdings gemäss Selbstdarstellung des Parlaments nicht mehr so ausgeprägt.

«Gefühlt» ist Basel-Stadt aber durchaus klassisch «progressiv». Basel-Stadt fördert gezielt Minderheiten, sensibilisiert in unterschiedlichen Kampagnen gegenüber Raserei, Prostitution, Drogenmissbrauch, Selbstmord, häusliche Gewalt, Eigentum, Völlerei, Hooliganismus und so weiter. Basel-Stadt ist sehr «aktivistisch». Das Abstimmungsverhalten ähnelt Jura oder Genf.

Das ist politisch so gewollt. Big Pharma finanziert indirekt die Sensibilisierungen, die Stiftungen, die Förderungen, die Spielplätze, die Museen, die Velostrassen, die Veranstaltungen, die Kunstateliers, die Superblocks, die Verkehrsberuhigungen und so weiter. Im Gegenzug toleriert das politische Basel diese Konzerne. Roche darf beispielsweise nun doch den Bau 5 abreissen.

Das wird lokal auch als «Burgfriedenspolitik» angenommen. In meiner Wahrnehmung hält er noch. Schliesslich leistet sich Basel-Stadt auch zwei liberale Parteien. Das Dalbenesisch ist zwar nicht mehr verbreitet, der «Daig» ist ausgestorben und bloss noch Folklore – trotzdem hallt die Sehnsucht nach dem Grossbürgertum nach.

Aber! Wie lange noch? Die politischen Pole radikalisieren sich, Links und Rechts muss man das Profil schärfen und wetteifern. Für die marginale SVP-Fraktion vergegenwärtigt Big Pharma den Dichtestress, die 10-Millionen-Schweiz, die Abhängigkeit zur EU und den Freihandel. Für die SP-Fraktion hingegen globalen Kapitalismus, Ausbeutung und Manager-Exzesse, Klima-Schändung.

Beide Pole könnten gut und gerne gegen Big Pharma argumentieren. In Basel-Stadt wahrscheinlicher aufgrund der Fraktionsstärke ist der linke Pol. Aber solange de «linkste» Nationalrätin, die geschätzte Sibel Arslan, nicht gegen Big Pharma polemisiert, bin ich gespannt. Weil das ist meine Referenz.

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